Germanische Mythologie

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Im engeren Sinne bezeichnet die ‚Germanische Mythologie‘ die Mythologien der unterschiedlichen germanischen Kulturen der Eisenzeit und Spätantike, wobei die Mythen von religiösen Anschauungen und Ritualen zu unterscheiden sind. Die vorchristlichen Glaubensanschauungen der germanischen Völker gingen mit der Christianisierung in unterschiedlichem Maße in dem jeweiligen Volksglauben auf.

 

Sowohl die Archäologie als auch die Literaturwissenschaften haben zeigen können, dass uns die Quellen nur ein uneinheitliches und nur schwer ein einheitliches Bild geben, da die germanische Religion regional, sozial und chronologisch äußerst stark differenziert war, so dass wir eigentlich eher von ‚germanischen Religionen‘ sprechen müssten. Die Quellen müssen daher zum heutigen Standpunkt ganz anders und viel kritischer verwendet werden, als man das nach der erstmaligen Herausgabe vieler literarischer mittelalterlicher Texte konnte.

 

Die einheimische Überlieferung der germanischen Mythologie steht heute in verschiedenen Quellenangaben zur Verfügung. Die wichtigsten dieser Quellen sind

 

* die Dichtungen des Codex Regius (bzw. der Lieder-Edda);

* die Texte der Snorra-Edda sowie Snorris mythistorisches Werk Heimskringla;

* die Chroniken bzw. geographischen, historischen oder ethnographischen Studien antiker Schriftsteller wie Tacitus (Annalen, Historien, Germania), Plutarch, Jordanes und Prokopius (De bello Gothico);

* die altnordisch-isländische Sagaliteratur

* die 9 Bücher der Dänischen Geschichte Gesta Danorum des Saxo Grammaticus.

 

Die erhaltenen Überlieferungen zeigen ein vielschichtiges Bild, bei dem sich Mythen, Epen, Märchen, volkstümliche Erzählungen, Rechts- und Merksprüche, Sprichwörter oder magische Formeln sowie Gebete vermischen. Der meiste Anteil dieser schriftlichen Überlieferungen ist auf die Nordgermanen zurückzuführen, die goegraphisch gesehen in Skandinavien und Island angesiedelt waren. Die Mythen und Epen der Süd- oder Kontinentalgermanen sind allenfalls in Fragmenten überliefert. Relevante schriftliche Überlieferungen existieren nicht mehr. Der fränkische Gelehrte Einhard (*770 – t840 n. Chr.) hat zwar bekannt gegeben, Karl der Große habe bestimmte Texte aufschreiben lassen, aber weder Ausmaß noch Inhalt sind bekannt. Für die weitere Behauptung, Ludwig der Fromme (König des fränkischen Reiches; *778 – t840 n. Chr.) habe sie wegen unchristlichen Inhalts vernichten lassen, gibt es auch keine Beweise.

Die verfügbaren altgermanischen Vermächtnisse liegen in schriftlicher, poetischer oder prosaischer Dichtung sowie als literarische Werke vor, die aus einst mündlich überlieferten Mythen und Epen hervorgehen. Die Erzähler dieser Literatur waren die anonymen Autoren der Sagenliteratur, in Adelskreisen verkehrende Dichter/Sänger oder wissenschaftlich orientierte Mythographen. Das Alter der Sagen und Legenden verliert sich weitgehend im Dunkel der Geschichte, da es durch die mündlichen Überlieferungen, die diese Autoren nutzten, zu Überschneidungen und Missverständnissen kam. Isländische Mönche zwischen den 9. Jahrhundert und dem 13. Jahrhundert waren an der Niederschrift, Kompilation bzw. wissenschaftlichen und literarischen Bearbeitung regionaler mythologischer Überlieferungen intensiv beteiligt. Ob ein Mönch zu dieser Zeit schon die christliche Lehre bereits vollständig übernommen und verinnerlicht hatte, ist dabei noch in Frage zu stellen.

 

Angeln und Sachsen in England

Die nordwesteuropäische germanische Tradition der Angeln, Sachsen und Jüten in England zeichnet sich ganz besonders in dem großen Beowulf-Epos, der Angelsächsischen Chronik sowie mehreren kleineren Werken ab. In diesen Aufzeichnungen lässt eine mit Skandinavien eng verbundene Tradition erkennen. Siehe ‚Die Angelsachsen‘

 

Kontinentalgermanen

Interessante, wenn auch nur relativ zuverlässige, antike Texte über kontinental-germanische Mythologie und Religion sind die Germania von Tacitus und De bello gallico von Caesar. Frühmittelalterliche Zaubersprüche und andere kleinere Werke bezeugen zudem Vorstellungen der kontinentalgermanischen Religion vor der Christianisierung.

 

Nordgermanen in Skandinavien

Die zahlreichen Überlieferungen der nordischen Mythologie, die nach der Christianisierung entstanden sind, stellen in unterschiedlichem Umfang durch den christlichen Glauben und klösterlicher Bildung beeinflusst, eine der reichhaltigsten Zeugnisse Skandinaviens dar.

Die wichtigsten Bezugsquellen stellt die eddische Mythologie dar. Dabei handelt es sich um hoch gekünstelte Dichtung des mittelalterlichen Islands. Im Zusammenhang wurde diese mit der isländischen gelehrten mittelalterlichen Frühgeschichte bis ins 13. Jahrhundert hinein niedergeschrieben, gibt den Volksglauben dieser Zeit aber nicht identisch wieder.

 

Die nordgermanische Götter-, Helden- und Schöpfungsmythologie wird

* in der manchmal als älter bezeichneten, poetischen Lieder-Edda (auch „Ältere-Edda“ oder unrichtig Sæmundar-Edda genannt) und

* in der zweigeteilten, prosaischen Snorra-Edda (oder Prosa-Edda bzw. „Jüngere Edda“), in der mythologisches Wissen (in der Gylfaginning) und ein Lehrbuch für Skalden (die Skáldskarparmál) überliefert.

Auch die Lieder-Edda ist zweigeteilt:

* in die Götterlieder (Göttermythen und religiös-philosophische Texte) und

* die Heldenlieder (von denen die Helgakviða, die Guðrúnarkviða und die zum Kreis der Nibelungensage gehörenden Sigurðarkviða und Atlakviða die bekanntesten sind).

 

Bei den Götterliedern handelt es sich einerseits um Wissensdichtung, die umfangreiches kosmogonisches Wissen überliefert (Völuspá, Grímnismál, Vafþrúðnismál oder Baldrs draumar), andererseits aber um eine moralisch-ethisch belehrende Spruchdichtung (Hávamál). Die Heldenlieder berichten in drei unabhängigen Mythenkreisen von den heroischen Taten Helgis, Sigurðrs und Jörmunrekrs. Die Lieder-Edda enthält eine ältere und eine jüngere Auflage poetischer Götter- und Heldendichtungen, die auf eine alte Handschrift (den Codex Regius) zurückzuführen ist. Die um 1640 aufgefundene Handschrift ‚Codex Regius‘ , die Dichtungen der Lieder-Edda enthält, wurde aufgrund handschriftenkundlicher und sprachwissenschaftlicher Kriterien in das Jahr 1270 datiert. Zugeschrieben wurden die Texte des ‚Codex Regius‘ bis in das 19. Jahrhundert Islands erstem Dichter (1056 bis 1133) dem Priester Sæmundar inn froði (dem Weisen). Weil dem heutigen Forschungsstand diese Zuschreibung wiederspricht, ist die Bezeichnung Sæmundar-Edda veraltet und wird daher auch nicht mehr verwendet.

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